„Was ich gelernt habe, als mein erster KI-Kurs floppte“

Pädagogischer Alltag in der Kita — echt-paedagogisch.de

8 Min. Lesezeit

Im November 2025 saß ich am Schreibtisch und wartete darauf, dass etwas passiert. Ich hatte gerade einen Mini-Kurs gelauncht: K.I.D.S., einen 37-Euro-Onlinekurs, mit dem sich Erzieherinnen ihren eigenen ChatGPT-Assistenten für den Kita-Alltag bauen können. Ein paar Instagram-Posts geschrieben. Und gehofft, dass es reicht.

Genau eine Frau hat den Kurs gekauft. Es war meine Mentorin aus meiner Ausbildungszeit im Kindergarten. Sie war die Frau, die mir damals beigebracht hatte, was es heißt, ein Kind wirklich zu sehen.

Ich war am Boden zerstört. Sonst hatte niemand gekauft.

Sechs Monate brauchte ich, um zu sehen: Das Marketing war nicht der Punkt. Mein Konzept war noch nicht reif. Und ja, gut, dass ich es so früh gemerkt habe.

Wie es entstand

Ich hatte schon lange das Bedürfnis, Pädagogik und Künstliche Intelligenz miteinander zu verbinden. Mir ging es um Entlastung, weil ich gesehen hatte, was die Dokumentationsflut mit unserer Arbeit macht.

Erzieherinnen schreiben Beobachtungen, Förderpläne, Entwicklungsgespräche, Konzeptionsbausteine, Elternbriefe, Aktenvermerke, Übergangsberichte. So viel, dass die Kinder dabei auf der Strecke bleiben. Die Bögen bekommen ihre Zeit. Die Kinder bekommen den Rest.

Heute bin ich selbst nicht mehr fest in einer Einrichtung. Ich arbeite in der Gruppenprophylaxe. Diesen Job liebe ich, weil er zwei Berufsfelder verbindet, in denen ich zuhause bin: meine zahnmedizinische Ausbildung und meine pädagogische Haltung.
An den passenden Stellen bringe ich auch meine Kenntnisse in Computer und Office ein. Ich komme als Gast in unterschiedliche Kitas, für ein paar Stunden. So sehe ich, wie verschieden Einrichtungen arbeiten. Und rede mit allen: Kindern, Eltern, Leitungen, Kolleginnen.
Manche bekommen einen entspannten Vormittag, weil ich ihnen Arbeit abnehmen kann. Manche höre ich erschöpft erzählen, von Dokumentationswellen und Krankenständen. Und davon, was am Ende übrig bleibt. Aus dieser mobilen Sicht auf viele Einrichtungen und Konzepte denke ich heute über KI in der Pädagogik nach

Aus dieser doppelten Sicht ist die Idee zu K.I.D.S. entstanden. Ich hatte selbst einen Mini-Kurs durchlaufen. Einen, in dem es darum ging, wie man Mini-Kurse baut. Und auf einmal hatte ich das technische Werkzeug, um das umzusetzen, was schon länger in mir brannte: ein Werkzeug für Erzieherinnen, das ihnen die Stunden zurückgibt, die sie an den Schreibtisch verlieren. Damit sie wieder bei den Kindern sein können.

Innerhalb weniger Tage stand der Kurs. Sechs Module. Zwei Boni. Verkaufsseite. 37 Euro. Ich legte ihn auf systeme.io und schrieb auf Instagram, dass es ihn jetzt gibt. Niemand wartete darauf, weil niemand wusste, dass er kommt.

Was ich übersehen habe

Manchmal denke ich, wir verwechseln Geschwindigkeit mit Mut. Schnell etwas rauszubringen fühlt sich an wie Handeln. In Wahrheit ist es oft nur Ungeduld.

Ich hatte den Kurs gelauncht, weil ich glaubte, dass er existieren musste. Aber existieren reicht nicht. Etwas, das niemand erwartet, kann niemand erkennen. Etwas, das niemand erkennt, kauft niemand. Auch ein Algorithmus oder mehr Werbebudget hätten daran nichts geändert. Es ging um Wahrnehmung.

Was ich damals nicht hatte, war fast alles, was einen Launch trägt: keine Mailing-Liste außer meiner Mentorin, keinen Blog, keine Audience, keinen Funnel, kein Webinar. Niemand wusste, dass der Kurs kommt.

Was ich hatte: eine gute Idee und eilige Hände. Plus die Annahme, dass ein günstiger Preis das Marketing ersetzt..

Heute weiß ich: Der Launch war blauäugig und komplett kalt. Nüchtern festgestellt. Diagnose vor Therapie.

Meine Mentorin hat den Kurs durchgearbeitet. Sie fand ihn gut. Vollständig integriert in ihren Alltag hat sie ihn nicht. Das tun die wenigsten Menschen mit einem Kurs, und das gehört zur Realität jeder Wissensvermittlung. Aber sie sagte mir später etwas, das mich getragen hat: Sie traue sich seit dem Kurs öfter an die Dinge ran. Sei mutiger geworden, probiere mehr aus.

Eine Person. Eine Veränderung. Das war der ganze Ertrag dieses ersten Launches. Und gleichzeitig war es mehr, als ich rechnerisch verloren hatte.

Was ich aus dem KI-Kurs mitnehme

Wenn ich heute zurückschaue, sehe ich drei Dinge.

Erstens: Das, was ich gemacht habe, war nicht falsch. Es war unvollständig. Der Inhalt des Kurses war solide. Werkzeuge und Anleitung funktionierten. Was fehlte, war alles drumherum. Eine Erzählung, ein Kontext, vor allem aber die Beziehung zu denen, die ich erreichen wollte. Ein guter Kurs ohne diese Umgebung ist wie ein gut gekochtes Essen in einem leeren Saal.

Zweitens: Schnell ist nicht dasselbe wie ehrlich. Ich hatte den Kurs schnell rausgehauen, weil ich glaubte, das sei mutig. In Wahrheit hatte ich Angst, dass die Idee verpufft, wenn ich sie nicht sofort umsetzen würde. Sechs Monate später weiß ich: Ideen, die etwas tragen, überstehen auch das Warten. Die anderen sind oft nicht stark genug für ein eigenes Leben.

Drittens, und das ist das Wichtigste: Ein Flop ist eine Diagnose, kein Urteil. Ich hatte am Anfang gedacht, ich hätte versagt. Heute weiß ich: Ich hatte einen Test gemacht. Der Test hat mir gezeigt, dass ein Kurs ohne Audience kein Kurs ist, sondern eine Datei. Diese Erkenntnis ist mehr wert als jeder Verkauf in dieser Phase.

Warum ich weitermache

Es gab keinen einzelnen Moment, in dem der Schalter umgelegt wurde. Eher eine stille Klarheit, die sich nach ein paar Tagen Boden gesetzt hatte: Das Thema ist wichtig. Das Thema ist richtig.

Ich mache weiter, weil die Wirklichkeit, die ich beschreibe, real ist. Erzieherinnen verbringen Stunden mit Dokumentation, die ihnen das wegnimmt, wofür sie diesen Beruf gewählt haben. Manche gehen früher aus dem Job, andere werden krank. Und manche bleiben da, verlieren aber die Sprache für das, was sie ursprünglich konnten. Und gleichzeitig gibt es seit einigen Jahren ein Werkzeug, das genau hier helfen könnte, wenn man es pädagogisch fundiert einsetzt. Das nicht zu nutzen, wäre fahrlässig.

Ich werde nicht aufgeben, bis ich einen Weg gefunden habe.

Was sich in den Monaten nach dem Launch verändert hat: Ich habe angefangen, das aufzubauen, was vorher fehlte. Einen Blog, auf dem ich schreibe, was ich denke. Eine Sprache, die Haltung und Werkzeug zusammenführt. Und vor allem langen Atem für etwas, das nicht in einer Woche entsteht.

Und ich habe an K.I.D.S. weitergearbeitet. Der ursprüngliche Kurs war nicht schlecht. Aber KI hat sich in den sieben Monaten danach so schnell weiterentwickelt, dass fast zwei Generationen dazwischen liegen. Was 2025 funktionierte, reicht 2026 nicht mehr. Wer heute K.I.D.S. in der alten Form kauft, lernt teilweise veraltete Werkzeuge.

K.I.D.S. 2.0 kommt im September. Aus dem schnellen Mini-Kurs ist ein vierwöchiger Online-Kurs mit Live-Komponente und Beta-Phase geworden, mit einem eigenen Modul zu Datenschutz und allem, was ich seitdem darüber gelernt habe, wie KI und Pädagogik zusammenkommen.

Der Preis wird nicht mehr 37 Euro sein. Im Frühbucherfenster liegt er bei 247 Euro, regulär bei 397 Euro. Wer das gerade liest und sich fragt, ob ich teurer geworden bin: ja und nein. Es ist ein anderer Kurs, und ich bin nicht mehr dieselbe

Meine Mentorin bekommt die neue Version selbstverständlich kostenlos. Sie wäre eine schlechte Erste, wenn sie für die zweite Runde nochmal zahlen müsste.

Was bleibt

Manchmal werde ich gefragt, ob ich es heute anders machen würde. Ehrlich: ja, fast alles. Aber ich würde es nicht ungeschehen machen wollen.

Was ich aus dem ersten Versuch mitgenommen habe, hätte ich auf keinem anderen Weg gelernt. Eine gute Idee trägt nicht von allein. Schnelligkeit, die ich für Mut hielt, war oft Angst. Und am meisten lehrt ein leeres Postfach: Es zwingt zum Hinsehen, wie ein volles es nicht schafft.

Und ich habe gelernt, dass eine einzelne Käuferin keine Niederlage ist, wenn diese Käuferin durch das, was sie gekauft hat, mutiger wird. Auch das ist eine Form von Wirkung. Manchmal sind die kleinsten Zahlen die ehrlichsten.

Scheitern in der Selbstständigkeit ist eine Vorform von Erfolg. Manchmal die ehrlichste.


Wer auf die Warteliste für K.I.D.S. 2.0 will: → hier zur Warteliste. Wer in den Newsletter will, in dem ich etwa alle zwei Wochen schreibe, was mich gerade beschäftigt: → hier zum Newsletter. Wer das gelesen hat und weiterscrollt, ohne sich einzutragen — auch okay. Manchmal ist das die ehrlichere Reaktion.

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