Hochbegabung in der Kita: Was passiert, wenn ein Kind zu viel kann

hochbegabung kita — Manchmal stört nicht das Kind, das zu wenig kann, sondern das, das zu viel kann. Über Begabung, die zur P

10 Min. Lesezeit

Es ist Stuhlkreis, kurz nach neun. Du sitzt mit elf Kindern im Halbkreis, und Jakob, vier Jahre alt, korrigiert dich. Nicht frech, eher beiläufig. Du hast gesagt, der Marienkäfer hat sieben Punkte, und er sagt, manche haben zwei, manche zweiundzwanzig, und der mit sieben heiße Siebenpunkt, das stehe in seinem Buch zu Hause. Die anderen Kinder rutschen schon, einer zieht an Mias Socke, du musst weiter. Aber Jakob bleibt an dem Käfer hängen, will wissen, warum manche Punkte verschwinden, wenn der Käfer älter wird. Das Wort Hochbegabung fällt in der Kita selten so früh, und wenn, dann leise, zwischen Tür und Angel. Du denkst es trotzdem. Du denkst es, weil Jakob in der Freispielzeit lieber allein die Weltkarte abmalt als zu bauen, weil er beim Mittagessen fragt, ob Zahlen jemals aufhören. Und du merkst, wie du innerlich anfängst, ihn anders einzusortieren. Schneller. Eindeutiger. Noch bevor du genau hingesehen hast, was er heute Morgen eigentlich von dir wollte.

Inhalt:

Das Kind, das zu schnell fertig ist

Weitwinkel eines Kita-Gruppenraums am frühen Morgen, ein Kind sitzt allein

Du gibst ihm ein neues Blatt. Was sonst. Jakob hat die Weltkarte fertig, jedes Land sitzt an seiner Stelle, und er schiebt sie dir hin mit einem Blick, der schon woanders ist. Zehn Minuten, für eine Aufgabe, die du für die nächste halbe Stunde gedacht hattest. Du lobst kurz, suchst nach dem nächsten Stift, dem nächsten Bogen, und merkst dabei selbst, dass du ihn beschäftigst, statt ihn zu begleiten.

Genau hier beginnt die leise Verschiebung. Ein Kind, das zu schnell fertig ist, gilt im Kita-Alltag schnell als pflegeleicht, als eines, um das du dich nicht kümmern musst, weil es ja läuft. Dabei ist Jakob nicht satt, er ist unterfordert. Das Tempo, das dich entlastet, ist für ihn ein Vakuum, und Kinder füllen Vakuum, mit Fragen, mit Korrekturen, mit dieser Ungeduld, die sich beim Warten in den Schultern festsetzt und die du später als Störung notieren wirst, ohne ihren Ursprung zu kennen.

Annedore Prengel würde sagen, dass du Jakob in diesem Moment einsortierst, bevor du ihn gesehen hast. Ihre Pädagogik der Vielfalt beginnt nicht bei der Frage, was ein Kind kann, sondern bei der Haltung, kein Kind vorschnell auf eine Stufe zu stellen, weder nach oben noch nach unten. Hochbegabung wird in der Kita oft zuerst als Etikett verhandelt, als etwas, das man feststellt und dann verwaltet. Aber Jakob will an diesem Morgen kein Etikett, er will, dass jemand merkt, dass die Weltkarte für ihn keine Aufgabe war, sondern eine Frage. Wie sehr eine vertraute Routine ein Kind verfehlen kann, zeigt sich auch dort, wo du meinst, das Kind längst zu kennen.

Was Jakob sucht, ist kein schwierigeres Blatt. Es ist ein Gegenüber, das seinem inneren Führer folgt, statt ihn zu bremsen oder zuzuschütten. Maria Montessori hat genau dieses Tempo gemeint, und in Das kreative Kind beschreibt sie das Kind als Selbsterzieher, der nicht beschäftigt, sondern ernst genommen werden will. Du legst den neuen Bogen hin. Jakob sieht ihn nicht an. Er sieht dich an.

Wenn Können plötzlich stört

Detailaufnahme einer kleinen Kinderhand, die einen Buntstift fest umklammert

Können wird in der Kita selten als Geschenk behandelt, sondern als Abweichung.

Jakob diskutiert die Regel am Maltisch, statt sie zu befolgen. Er korrigiert dich, wenn du beim Vorlesen eine Seite überspringst, und er weiß genau, dass du es getan hast. Er ergänzt das Ende der Geschichte, bevor du es vorlesen kannst, und verliert dann das Interesse an dem Bogen, den du ihm hingelegt hast. Was du siehst, sieht aus wie Trotz. Was darunter liegt, ist eine Unterforderung, die keinen anderen Ausgang findet als den Widerspruch. Ein Kind, das schneller denkt als die Gruppe sich bewegt, hat nur zwei Wege: sich anpassen und langweilen, oder auffallen und stören.

Genau hier kippt etwas. Solange Jakob still im Eck sitzt und komplizierte Türme baut, gilt er als ruhig, vielleicht als ein bisschen eigen. In dem Moment, in dem sich sein Können nach außen kehrt, wird er zum Thema im Teamgespräch. Nicht seine Begabung wird benannt, sondern sein Verhalten. Das ist der feine, fast unsichtbare Punkt, an dem Hochbegabung in der Kita zu einem Problem erklärt wird, das eigentlich keines ist.

Annedore Prengel nennt das die egalitäre Differenz: die Idee, dass Verschiedenheit kein Mangel ist, den man angleichen muss, sondern eine Wirklichkeit, die gleichwertig nebeneinander bestehen darf. Jakobs Tempo ist anders, nicht besser. Aber eine Gruppe, die auf das mittlere Maß ausgelegt ist, hat für das Andere oft nur eine Schublade übrig, und die heißt Auffälligkeit. Wie eine andere Haltung diese Schublade auflöst, beschreibe ich auch in Inklusion ist keine Methode, sondern eine Haltung.

Montessori hat dasselbe Problem nie beim Kind verortet, sondern beim Raum. In Die Entdeckung des Kindes zeigt sie, wie eine vorbereitete Umgebung dem Kind erlaubt, sein eigenes Tempo zu gehen, ohne dafür anecken zu müssen. Jakob braucht keine Diagnose. Er braucht einen Bogen, der schwer genug ist, dass er ihn überhaupt ansieht.

Im Kopf voraus, im Gefühl ein Kind

Ein vierjähriges Kind sitzt nachdenklich allein am Fenster, Blick nach draußen,

Es klingt verkehrt, aber gerade das Kind, das am weitesten vorausdenkt, braucht am dringendsten, noch ganz klein sein zu dürfen. Jakob baut sich aus drei Stühlen eine Brücke und erklärt dem Erzieher nebenbei die Statik dahinter, und zwei Minuten später weint er, weil ihm jemand den blauen Becher weggenommen hat. Beides ist wahr im selben Körper. Der Kopf ist vier Jahre voraus, das Gefühl ist genau vier Jahre alt. Wer nur den Kopf sieht, erwartet plötzlich auch ein Herz, das mithält, und wundert sich dann, dass da ein Vorschulkind sitzt, das Trost braucht wie jedes andere.

Was dabei passiert, ist eine stille Verschiebung im Maßstab. Weil Jakob komplizierte Sätze bildet, traut man ihm zu, auch komplizierte Gefühle allein zu sortieren, mutet ihm eine Geduld zu, die kein Vierjähriger hat, und nennt seine Tränen hinterher unangemessen. Annedore Prengel hat dafür einen Begriff, der hier trägt: egalitäre Differenz. Unterschiede dürfen sein, aber sie dürfen nicht in ein Oben und Unten kippen. Jakobs Denken ist anders, nicht höher, und sein Gefühl ist nicht zurückgeblieben, es ist einfach kindlich, so wie es sein soll.

Genau hier entsteht der Riss, den Fachleute Asynchronität nennen. Hochbegabung in der Kita zeigt sich selten als Glanz, viel öfter als diese auseinandergezogene Entwicklung, die das Kind mitten in eine Spannung stellt, die es selbst nicht benennen kann. Jakob spürt, dass von ihm etwas erwartet wird, das er kognitiv versteht, aber emotional nicht leisten kann, und dieser Abstand macht ihm Angst. In Das kreative Kind beschreibt Montessori das Kind als Selbsterzieher mit einem inneren Führer, dem wir vertrauen lernen müssen, und genau dieser innere Führer verlangt bei Jakob, dass sein Gefühl im eigenen Tempo nachwachsen darf, nicht im Takt seines Verstandes.

Gehalten wird ein Kind in dieser Lücke nicht durch ein Förderprogramm, sondern durch ein verlässliches Bild von sich selbst, wie ich in Was ein Dreijähriger in der Kita braucht, damit ein positives Selbstkonzept entsteht beschreibe. Solange wir Jakob an dem messen, was sein Kopf schon kann, sehen wir das weinende Vorschulkind vor uns gar nicht. Erst wenn das Messen aufhört, wird der ganze Junge sichtbar.

Was du siehst, wenn du aufhörst zu messen

Nahaufnahme einer Erzieherin Anfang zwanzig, die einem Kind auf Augenhöhe

Es gibt einen Moment am Vormittag, in dem niemand etwas von Jakob will. Kein Stuhlkreis, keine Aufgabe, keine Frage, die er als Erster beantworten soll. Er sitzt am Fenster und schichtet Kastanien nach einer Ordnung, die nur er kennt, und zum ersten Mal an diesem Tag ist sein Gesicht ganz ruhig. Du gehst vorbei und siehst es fast nicht, weil nichts passiert. Genau das ist das Bemerkenswerte, dass nichts passiert und es ihm trotzdem gut geht.

Solange du Jakob beobachtest, um etwas festzustellen, entgeht dir dieser Moment. Das Messen richtet den Blick immer auf ein Mehr oder Weniger, auf einen Vorsprung, der gefördert, oder einen Rückstand, der ausgeglichen werden muss. Hörst du damit auf, verschiebt sich, wonach du überhaupt suchst. Du siehst nicht mehr Leistung, sondern Passung. Du siehst, wo dieser Vierjährige echte Herausforderung findet und wo er sich so lange langweilt, bis aus der Langeweile Unruhe wird, das Dazwischenrufen, das Verweigern von Aufgaben, die für ihn keinen Sinn ergeben.

Annedore Prengel hat dafür einen Begriff, der unscheinbar klingt und alles verändert: egalitäre Differenz. Kinder sind verschieden, und keine dieser Verschiedenheiten ist mehr oder weniger wert als die andere. Jakobs schneller Kopf ist kein höherer Rang und kein Defizit, das er an anderer Stelle wieder einbüßt, sondern einfach seine Art, in der Welt zu sein. In der Pädagogik der Vielfalt geht es nicht darum, ihn nach oben oder unten einzusortieren, sondern ihn neben den anderen stehen zu lassen, ohne ihn zu vergleichen. Das ist schwerer, als es klingt, weil das Reden über Hochbegabung in der Kita fast automatisch bei Förderstufen und Entwicklungstabellen landet.

Was du dann siehst, ist nicht der Hochbegabte, sondern Jakob, ein Kind, das genau wie jedes andere im Raum erst gesehen werden will, bevor es gefordert wird. Diese Haltung, jedes Kind in seiner Verschiedenheit gleich ernst zu nehmen, trägt nicht nur ihn, sondern die ganze Gruppe, wie ich in Inklusion ist eine Haltung, kein Konzept für den Gruppenraum beschreibe. Maria Montessori meinte in Kinder sind anders genau das, dass Kinder nicht unsere Hilfe brauchen, sondern unser Vertrauen, es selbst zu schaffen. Vielleicht beginnt das damit, dass du an einem Vormittag einfach stehen bleibst, wenn Jakob seine Kastanien schichtet, und nichts von ihm willst.

Jakob sitzt auf dem Teppich, das fertige Puzzle vor sich, und schaut zur Tür. Nicht weil er gehen will. Sondern weil er wartet, dass jemand kommt und sieht, dass er schon wieder fertig ist. Du kennst diesen Blick. Du hast ihn schon hundertmal abgetan als Ungeduld, als Aufmerksamkeitssuche, als ein Kind, das beschäftigt werden muss.

Aber Jakob sucht nicht Beschäftigung. Er sucht jemanden, der seinem Tempo standhält, ohne ihn dafür kleiner oder größer zu machen, als er ist. Vier Jahre alt, mit einem Kopf, der schon weiter ist als seine Hände, sein Bauch, seine Geduld mit sich selbst. Ein Kind, das zu viel kann, ist kein Kind, das weniger braucht. Es ist eines, das anders gesehen werden muss.

Annedore Prengel nennt es die Anerkennung von Verschiedenheit, ohne sie in eine Rangordnung zu zwingen. Solange du misst, wirst du immer einen finden, der zu schnell ist, und einen, der hinterherhinkt. Erst wenn du aufhörst zu messen, taucht Jakob auf. Nicht als Begabung. Als Junge, der vier ist und gesehen werden will.

Was siehst du, wenn du das nächste Mal an seinem fertigen Puzzle vorbeigehst?

Zum Weiterlesen & Weiterdenken

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